Was ist ein sicherer Hafen?
Ein Wert gilt als sicherer Hafen, wenn sein Wert bei großen politischen, systemischen oder finanziellen Krisen – wie der Subprime-Krise im Jahr 2008 oder der Gesundheitskrise, die die Welt derzeit durchlebt – stabil bleibt oder tendenziell an Wert gewinnt. Anleger flüchten sich in solche Finanzinstrumente, um ihr Vermögen in Zeiten, die für sogenannte risikobehaftete Anlagen ungünstig sind, so gut wie möglich zu sichern.
Das bekannteste: Gold
Wenn man von sicheren Anlagen spricht, ist Gold das am häufigsten genannte Beispiel – selbst wenn man nicht aus der Finanzwelt kommt. Bei weltweiten Turbulenzen ist Gold ein sehr begehrtes Gut, da es im Gegensatz zu Finanzanlagen wie Aktien als sichere Anlage gilt. Außerdem wird es weder von niedrigen noch von hohen Zinssätzen beeinflusst. Gold ist zudem sowohl in der Industrie als auch in der Goldschmiedekunst sehr leicht zu verkaufen und unterliegt einem begrenzten Angebot. Das kostbare gelbe Metall erreichte 2020 mit einem Kurs von über 2’000 Dollar pro Unze seinen historischen Höchststand.
Die Stärke des Schweizer Frankens
Der Schweizer Franken galt schon immer als sicherer Hafen, insbesondere in Zeiten von Marktinstabilität. Die Hauptstärken dieser Währung liegen in der Solidität des Bankensektors und der florierenden Wirtschaft. Hinzu kommen eine im Vergleich zu den OECD-Mitgliedstaaten sehr geringe Verschuldung und eine anhaltend niedrige Arbeitslosigkeit. Darüber hinaus verleiht die Unabhängigkeit von der sie umgebenden Europäischen Union der Währung einen zusätzlichen Charakter als Zufluchtsort für Kapital, insbesondere wenn die EU von wirtschaftlichen, politischen und gesundheitlichen Problemen besonders stark betroffen ist.
Staatsanleihen
Eine Staatsanleihe ist schlichtweg eine von einer Regierung ausgegebene Schuldverschreibung, die Zinszahlungen vorsieht. Staatsanleihen aus Industrieländern (insbesondere aus den G10-Staaten) sind auch in Zeiten von Instabilität sehr gefragt, da das Ausfallrisiko einer Regierung dennoch minimal ist.
Ist der Yen sicherer als der US-Dollar?
Die japanische Währung gilt seit langem als sicherer Hafen, der fast noch wichtiger ist als der US-Dollar, da der Yen in Zeiten der Instabilität tendenziell stärker aufwertet als der US-Dollar. Dieser Ruf rührt von Japans hohem Handelsüberschuss im Verhältnis zu seiner Verschuldung im 20. Jahrhundert her. Dennoch ist die Staatsverschuldung Japans die höchste weltweit und beläuft sich auf über 200 % des japanischen BIP. Trotzdem bleibt der Yen weiterhin ein sicherer Hafen, da Japan nach wie vor eine starke Wirtschaft aufweist und die Staatsschulden zu über 90 % von japanischen Unternehmen und Haushalten gehalten werden, was für eine gewisse Stabilität sorgt.
Der Dollar, die liquideste Währung
Dieses Vertrauen entstand im Zuge der Bretton-Woods-Abkommen, durch die ein fester Wechselkurs eingeführt wurde und der Dollar de facto zur weltweit wichtigsten Reservewährung avancierte. Dann kam in den 2000er Jahren die Krise der Schwellenländer, die den Dollar noch mehr aufwerten ließ. Darüber hinaus ist der Dollar die liquideste Währung auf dem Devisenmarkt und steht schlichtweg für die derzeit größte Volkswirtschaft der Welt. Allerdings gilt der Dollar nicht mehr als sicherer Hafen, und das Jahr 2020 war wahrscheinlich der Beweis dafür. Der DXY-Index, der Referenzindex des Dollars gegenüber sechs Hauptwährungen, darunter der Euro mit einem Gesamtgewicht von 57 %, wurde in diesem Zeitraum stark in Mitleidenschaft gezogen. Nachdem er im März 2020 auf 103 gestiegen war, sank die Stärke des Dollars während dieser Pandemiezeit kontinuierlich und erreichte Anfang Januar 2021 sogar 89,20.
Grafik des DXY-Index vom 22.01.2021

Kryptowährungen
Wir werden uns mit Kryptowährungen befassen, genauer gesagt mit Bitcoin, das während dieser Krise als eine Art sicherer Hafen bezeichnet wurde. Genau wie Gold ist Bitcoin völlig unabhängig von der Politik und den Aktienmärkten. Dennoch widerlegt die extreme Volatilität (bis zu +40 % an einem Tag) bislang die Annahme, dass es sich um einen sicheren Wert handelt. Wie Sie unten sehen können, hat der Bitcoin seit Jahresbeginn kontinuierlich an Wert gewonnen, insbesondere während der ersten und zweiten COVID-Welle. Man darf nicht außer Acht lassen, dass der US-Dollar an Wert verloren hat, was in Dollar notierte Finanzinstrumente erschwinglicher (günstiger) macht.
Bitcoin-Chart vom 22.01.2021

Eine weitere interessante Entwicklung während dieser Gesundheitskrise war, dass Technologieaktien (GAFAM, Netflix und Tesla) einen enormen Aufschwung verzeichneten und während der ersten Coronavirus-Welle als sichere Häfen galten. Ihre Marktkapitalisierung stieg exponentiell an und machte im April 2020 50 % der Gesamtmarktkapitalisierung des Nasdaq-Index aus.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das besonders überraschende Jahr 2020 der Attraktivität des US-Dollars in Zeiten von Risikoaversion wahrscheinlich ein Ende gesetzt hat. Im Gegensatz dazu haben sich neue Anlagen wie Technologiewerte und Bitcoin gut behauptet. Es bleibt jedoch die Frage, ob diese Art von Finanzinstrumenten zu den neuen sicheren Häfen werden könnte oder ob man das Jahr 2020 einfach als einmalig betrachten sollte.


